ChildInvest Foundation: Neue Impulse für Wirkungsmessung

Wirkungsmessung wird für Stiftungen immer bedeutsamer. Ein seit rund 25 Jahren hierfür zunächst in der englischsprachigen Stiftungswelt entwickelter Ansatz ist der Social Return on Investment.  RenditeWerk befragte Claudia Straßer zum Konzept des Social Return on Investment, das die ChildInvest Foundation in ihrer Projektarbeit anwendet.

Claudia Straßer ist Vorstandsmitglied der ChildInvest Foundation sowie Bereichsleiterin Stiftungen und Unternehmenspartner SOS-Kinderdörfer weltweit.


RenditeWerk: Die ChildInvest Foundation hieß bis 2023 Hermann-Gmeiner-Stiftung. Was war der Grund für die Namensänderung?

Claudia Straßer: Die Umbenennung von der Hermann-Gmeiner-Stiftung in ChildInvest Foundation im Jahr 2023 steht für eine inhaltliche und strategische Neuausrichtung der Stiftung. Der neue Name unterstreicht den Anspruch, Mittel nicht nur zu vergeben, sondern gezielt in soziale Wirkung zu investieren, um langfristig stabile Verbesserungen für benachteiligte Kinder und Familien zu erzielen.

Der Begriff „Invest“ verweist dabei bewusst auf den Social Return on Investment. Anstatt rein karitativ zu agieren, möchte die Stiftung die Wirkung ihres Mitteleinsatzes messbar machen, strategisch steuern und den größtmöglichen sozialen Nutzen pro eingesetztem Euro erzielen.

Neben dieser eher abstrakten Dimension der Wirkungsmessung rücken wir mit dem Begriff „Child“ eine weitere, ganz konkrete Dimension in den Fokus: Die Investition in Kinder und Jugendliche, in die nächste Generation und damit in den gesellschaftlichen Zusammenhalt – egal, wo auf der Welt. Bei der Umbenennung hat uns also stark der Blick auf neue Stifterzielgruppen und zugleich die Zielgruppen der Programmarbeit gelenkt.

RenditeWerk: Gab es Auslöser für diese Neuausrichtung?

Claudia Straßer: Die Neupositionierung reagierte auf mehrere Herausforderungen: Erstens auf die steigenden Erwartungen insbesondere von jüngeren Fördernden und Stiftenden, Wirkung transparent und belegbar zu machen. Zweitens auf die Notwendigkeit, sich in einem zunehmend kompetitiven internationalen philanthropischen Umfeld klar zu profilieren. Drittens auf das Erfordernis einer effizienteren Gestaltung langfristig wirksamer Projektarbeit durch systematische Wirkungsanalyse – sowohl für die interne Lernkurve als auch zur externen Legitimation.

Für die ChildInvest Foundation ist Wirkungsmessung damit kein Selbstzweck, sondern integraler Bestandteil eines strategischen Wirkungsverständnisses, das auf nachhaltigen Wandel abzielt. Mit den Erträgen aus den Stiftungen sollen Chancen für benachteiligte Kinder ermöglicht werden, um Beteiligung, Zukunftsperspektiven und langfristig gesellschaftliche Stabilität zu ermöglichen.

RenditeWerk: Sie wenden ein spezielles Konzept der Wirkungsmessung an, den SROI. Was beinhaltet dieser Ansatz?

Claudia Straßer: SROI heißt Social Return on Investment. Für uns ist das ein wichtiges Instrument, um unseren Stiftungsauftrag professionell umzusetzen. Der SROI zeigt auf, wie viel sozialer Nutzen – gemessen in Geldwerten – pro eingesetztem Euro entsteht.

Durch den SROI können wir Projekte strategischer steuern, Mittel besser einsetzen und unseren Fördernden sowie Partnern mehr Transparenz bieten. Es geht uns darum, Wirkung nicht nur zu behaupten, sondern belastbar zu belegen. Gleichzeitig nutzen wir den SROI auch zur Steuerung unserer Programmarbeit. So haben wir beispielsweise aus den ersten Wirkungsmessungsstudien gelernt, dass wir noch mehr Jugendliche in unseren Programmen im Übergang in die Selbständigkeit begleiten müssen. Dabei spielen zum Beispiel Employability-Programme eine wichtige Rolle.

RenditeWerk: Weshalb haben Sie sich gerade für den SROI entschieden?

Claudia Straßer: Vor Einführung des SROI wurde gesellschaftliche Wirkung unserer Arbeit vor Ort auf Ebene der einzelnen Programme evaluiert, etwa im Rahmen des „Tracking Footprints“-Projekts (2002–2008). Doch es fehlte ein einheitliches, systematisch anwendbares Verfahren, das Vergleiche zwischen Ländern und Projektarten ermöglicht.

Herkömmliche Wirkungsmodelle eignen sich nur begrenzt, um die Wirkung unserer Arbeit zu messen. Unsere Arbeit ist extrem langfristig angelegt: Wir begleiten Kinder in unseren Programmen bis zur Selbständigkeit. In die gesellschaftliche Wirkungsmessung muss zudem der Abgleich der Effekte der Teilnahme an unseren Programmen mit volkswirtschaftlichen Kostenfaktoren (z. B. Gesundheitskosten, Kriminalitätskosten, Arbeitslosigkeitskosten, etc.) erfolgen.

Wir haben auch alternative Impact-Modelle geprüft, z. B. Ergebnislogik und qualitative Wirkungsanalyse, diese aber als unzureichend erachtet. Der SROI überzeugte uns durch die Möglichkeit, komplexe soziale Wirkungen ökonomisch zu beziffern, durch seine Anschlussfähigkeit an internationale Standards und durch seine Relevanz auch für Partner in der Entwicklungszusammenarbeit.

RenditeWerk: Wie hat man sich eine SROI-Wirkungsanalyse vorzustellen?

Claudia Straßer: Die SROI-Erhebung folgt einem modularen Verfahren in sechs Schritten: 1) Definition des Projekts und seiner Zielgruppe („Intervention“). 2) Auswahl und Schulung lokaler und externer Evaluierender. 3) Interviews mit ehemaligen Programmteilnehmenden (1–6 Jahre nach Projektende). 4) Bewertung anhand acht definierter Wirkungsdimensionen. 5) Monetarisierung der Ergebnisse auf Basis etablierter Modelle. 6) Ergebnisvalidierung in Workshops vor Ort.

Die Durchführung erfolgt überwiegend durch unabhängige Forschungsinstitute, die im Rahmen eines offenen Ausschreibungsverfahrens ausgewählt werden. Die Validierung erfolgt gemeinsam mit ehemaligen Teilnehmenden und lokalen Teams.

RenditeWerk: Was messen Sie eigentlich mit dem SROI genau?

Claudia Straßer: In die Berechnung des SROI fließen sowohl harte als auch weiche Faktoren ein.

Zu den harten zählen zum Beispiel höhere Bildungserträge, geringere Gesundheitskosten oder gesteigerte Erwerbsfähigkeit – also messbare ökonomische Effekte.

Die weichen Faktoren sind komplexer, aber genauso wichtig. Dazu gehören etwa psychosoziale Stabilität, emotionale Resilienz, elterliche Fürsorge oder das Erleben von Selbstwirksamkeit.

Um diese weichen Faktoren messbar zu machen, arbeiten wir mit standardisierten Bewertungsdimensionen, etwa zur „sozialen und emotionalen Gesundheit“ oder zur „elterlichen Verpflichtung“. Zusätzlich führen wir qualitative Interviews mit ehemaligen Teilnehmenden, oft viele Jahre nach Projektende.

RenditeWerk: Welche Rolle spielt der SROI bei der Entscheidung für Projekte?

Claudia Straßer: Der SROI ist für uns kein alleiniges Entscheidungskriterium, aber ein wichtiges Instrument in der strategischen Bewertung. Projekte mit einem hohen prognostizierten SROI werden bevorzugt weiterentwickelt oder auf andere Regionen ausgeweitet. In der Planungsphase hilft der SROI dabei, Ressourcen gezielt zuzuweisen und die Projektziele zu schärfen.

Ein Beispiel: Unsere Familienstärkungsprogramme erzielen häufig einen besonders hohen SROI – unter anderem, weil sie dazu beitragen, dass Eltern Verantwortung für ihre Familie übernehmen und Kinder bei ihren Eltern aufwachsen können. Solche Programme fördern wir gezielt weiter oder setzen sie als Pilotprojekte in neuen Regionen um.

RenditeWerk: Und wie erfolgt die Steuerung laufender Projekte?

Claudia Straßer: Der SROI ist für uns Teil einer lernenden Steuerung. Ziel ist ein positiver SROI-Wert, d. h. der soziale Nutzen soll über den eingesetzten Mitteln liegen. Wenn ein Projekt einen niedrigeren SROI zeigt als erwartet, beenden wir es nicht automatisch. Stattdessen analysieren wir, woran es liegt. Oft folgen vertiefende qualitative Analysen oder Anpassungen im Projektdesign, zum Beispiel durch zusätzliche Unterstützungsangebote. In einzelnen Fällen kann das auch zu einer Fokusverlagerung oder schrittweisen Einstellung führen. Es geht dabei nicht um Bestrafung schlechter Zahlen, sondern um Lernen und Verbesserung.

Die Methodik wurde bisher in rund 40 Ländern angewendet, mit etwa 4.500 befragten Personen.

RenditeWerk: Wie sieht ein erfolgreiches Projektbeispiel auf SROI-Basis aus?

Claudia Straßer: Ein konkretes Beispiel mit nachweislich starkem SROI ist ein Projekt in Indonesien. Dort berichteten etwa 97 Prozent der ehemaligen Programmteilnehmenden, dass sie ihrer elterlichen Verantwortung gerecht werden – ein starker Indikator für langfristige Wirkung im Sinne der Generationengerechtigkeit.

Zu einem Projekt in Nicaragua gibt es messbare Ergebnisse im Bereich Beschäftigungsfähigkeit:

73 Prozent der befragten ehemaligen Programmteilnehmenden waren zum Zeitpunkt der Befragung berufstätig. 84 Prozent hatten zum Zeitpunkt des Interviews ein stabiles Einkommen. Dies spricht für hohe wirtschaftliche Selbstständigkeit und somit starken SROI im Bereich wirtschaftlicher Integration.

RenditeWerk: Welche Außenwirkung hat Ihr SROI-Ansatz?

Claudia Straßer: Die systematische SROI-Berechnung hat sich als wertvolles Instrument in der Außenkommunikation erwiesen – insbesondere im Dialog mit Stiftungen, institutionellen Förderern und politischen Entscheidungsträgern. Zugleich möchten wir – wie im Rahmen dieses Interviews – zur weiteren Verbreitung und Professionalisierung beitragen, um mittelfristig eine stärkere Einheitlichkeit und Vergleichbarkeit im Sektor zu ermöglichen.

Wir nutzen hierfür verschiedene Kommunikationsformate – etwa Publikationen wie „75 Years of Impact“, aufbereitete Wirkungszahlen für Fundraising und Advocacy oder visualisierte Länderdaten. Diese Formate schaffen Transparenz und zeigen, dass soziales Engagement messbare Wirkung entfalten kann – ein zunehmend wichtiges Argument in der Fördermittelakquise.

RenditeWerk: Worin sehen Sie die wesentlichen Vorteile eines SROI-Ansatzes?

Claudia Straßer: Zu den wichtigsten Vorteilen gehören aus unserer Sicht die transparente Wirkungsmessung in einem ökonomisch verständlichen Format sowie die verbesserte strategische Steuerung: Mittel werden dort eingesetzt, wo der höchste Nutzen entsteht. Der SROI eignet sich zudem hervorragend als Lerninstrument für kontinuierliche Qualitätsverbesserung und Effektivitätssteigerung. Wichtig ist auch seine Legitimationsfunktion gegenüber Stakeholdern (Förderer, Öffentlichkeit, Politik).

Ebenfalls ein Vorzug ist, dass der SROI partizipative Prozesse und die Netzwerkbindung fördert: Ehemalige Teilnehmende werden in die Auswertung einbezogen und können ihre Perspektiven einbringen.

RenditeWerk: Wo liegen Probleme und Grenzen des SROI?

Claudia Straßer: Die wichtigsten Herausforderungen sind die Monetarisierung bzw. Quantifizierung weicher Faktoren wie Resilienz, Bindung oder psychosoziale Stabilität, die Datenerhebung in instabilen Regionen (z. B. fragile Staaten), fehlende Vergleichswerte mit anderen Organisationen und Projekten sowie die Komplexität des Verfahrens und der hohe Ressourcenaufwand (5–8 Monate pro Evaluation).

Der SROI ist auch nicht geeignet zur Bewertung kurzfristiger Projekte oder bei Fehlen einer klar quantifizierbaren Wirkung. Der SROI erfasst vor allem langfristige Wirkungen mit klar definierter Zielgruppe und Interventionslogik. Etwa Familienstärkung, frühkindliche Förderung oder berufliche Integration Jugendlicher.

RenditeWerk: Welche Verbesserungspotentiale sehen Sie im SROI-Konzept?

Claudia Straßer: Verbesserungsbedarf besteht vor allem in drei Bereichen: Bei der Standardisierung von Bewertungs- und Umrechnungsschlüsseln. Bei der Vergleichbarkeit mit anderen SROI-Modellen (z. B. anderer NGOs). Und bei der Einbindung qualitativer Erkenntnisse in die ökonomische Modellierung.

Auch die bessere Integration in digitale Monitoring-Systeme zur Echtzeitsteuerung wäre ein nächster logischer Schritt, an dem wir bereits arbeiten.

RenditeWerk: Der SROI wird auch beim Impact Investing verwendet, etwa im Rahmen von Social Impact Bonds. Käme dieser Bereich für Sie auch in Frage?

Claudia Straßer: Ja, das Konzept ließe sich auch im Impact-Investing-Bereich nutzen. Es gab auch schon erste Pilotprojekte. Wir sind grundsätzlich offen für den Austausch mit anderen Stiftungen, die in diese Richtung denken. Unser Impact ist allerdings klar „social first“, nicht „finance first“. Das heißt: Bei uns steht der soziale Mehrwert im Vordergrund, nicht eine finanzielle Rendite für Investoren.

RenditeWerk: Wie bewerten Sie Ihr SROI-Konzept im Vergleich mit den Ansätzen anderer NGOs mit ähnlicher Zielsetzung?

Claudia Straßer: Die ChildInvest Foundation gehört gemeinsam mit den SOS-Kinderdörfer weltweit zu den Pionieren unter den NGOs, was die systematische SROI-Anwendung im Kinderschutzbereich angeht. Viele andere Organisationen konzentrieren sich eher auf die Evaluierung kürzerer Programme, deren Wirkung leichter messbar ist – zum Beispiel über drei Jahre hinweg. Dort wird oft nur der Output gemessen, also was gemacht wurde, nicht der Impact, also was sich tatsächlich verändert hat.

Ein direkter Vergleich mit anderen Organisationen ist deshalb nur eingeschränkt möglich.

RenditeWerk: Ist der SROI generell geeignet für Stiftungen, die im Sozialbereich bzw. in der Gesellschaft Impact erzielen wollen?

Claudia Straßer: SROI ist prinzipiell universell anwendbar, er ist aber an gewisse strukturelle Voraussetzungen gebunden, wie: Klare Zieldefinition und Theory of Change; professionelles Monitoring; Daten- und Ressourcenverfügbarkeit; Bereitschaft zur partizipativen Reflexion.

Vor allem kleinere Stiftungen ohne systematische Wirkungserfassung könnten mit der Komplexität des Verfahrens überfordert sein. Daher empfiehlt sich gegebenenfalls ein modularer Einstieg.

RenditeWerk: Wie schätzen Sie das SROI-Konzept im Kontext der deutschen Stiftungslandschaft derzeit ein?

Claudia Straßer: Das Thema Wirkung wird in der deutschen Stiftungsszene seit vielen Jahren intensiv diskutiert, und es hat sich bereits einiges bewegt. Dennoch erfassen viele Stiftungen und NGOs ihren gesamtgesellschaftlichen Beitrag bislang nur unzureichend. Mit dem SROI möchten wir genau hier ansetzen: Wir wollen Impulse geben, um Wirkung systematisch und nachvollziehbar zu messen, und so eine Brücke schlagen zwischen klassischen Stiftungen und dem wachsenden Anspruch auf Transparenz, Rechenschaft und Wirkungskontrolle. Gleichzeitig möchten wir zeigen, wie professionelle gemeinnützige Arbeit aussehen kann. Wir erwarten, dass das Thema Wirkungsmessung in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnt.