Jeder Euro für Nachhaltigkeit und Klimaschutz spart Folgekosten

Von Julius van Sambeck, Ethius Invest

Julius van Sambeck, Managing Director des auf nachhaltige Investments spezialisierten Schweizer Vermögensmanagers und Fondsinitiators Ethius Invest

Bemühungen um die sozial-ökologische Transformation haben weiterhin mit starkem Gegenwind zu kämpfen. Viele Maßnahmen werden zurückgedreht, wichtige Projekte, etwa im Klimaschutz, gestoppt. Milliardenschwere Investitionen in die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaften bleiben aus. Spätestens mittel- bis langfristig ist dies Gift für die Wirtschaft – und für unsere Demokratien.

Von Julius van Sambeck, Ethius Invest

Gegen Projekte und Maßnahmen für Nachhaltigkeit und den Klimaschutz werden seit einiger Zeit besonders gerne ökonomische Argumente ins Feld geführt. So heißt es immer wieder, diese seien zu teuer, nicht leistbar, schadeten den Unternehmen und gefährdeten die Wettbewerbsfähigkeit von Industrien, Volkswirtschaften und Wirtschaftsräumen. Doch diese Sichtweise verkennt eine zentrale Wahrheit: Die Kosten des Nicht-Handelns sind massiv. Sie übersteigen diejenigen der erforderlichen Investitionen bei Weitem.

Investitionen in den Klimaschutz sind ein Gebot der Vernunft

Dies belegt beispielsweise eine Studie, die 2024 im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlicht wurde. Den Erkenntnissen zufolge übersteigen die Schäden, die bis 2050 als Folge des Klimawandels zu erwarten sind, bereits heute – das heißt unabhängig von künftigen Emissionsentscheidungen – die Kosten für Maßnahmen zur Begrenzung der globalen Erwärmung um das Sechsfache. Dies heißt mit anderen Worten: Jeder investierte Euro in den Klimaschutz hilft mittel- und langfristig, ein Vielfaches an denjenigen Kosten zu vermeiden, die durch Extremwetter, Ernteausfälle, Gesundheitsbelastungen und Zerstörung von Infrastruktur entstehen.

Erneuerbare Energien – ein besonders deutliches Beispiel

Die Logik der Kosten des Nichthandelns zeigt sich bei den erneuerbaren Energie nochmals besonders deutlich. Für Deutschland untersuchte dies beispielsweise das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme. In einer 2024 veröffentlichten Studie zu den Stromgestehungskosten erneuerbarer Energien wird detailliert dargelegt, wie sich die Kosten bei Photovoltaik, Windenergie, Biomasse und Biogas sowie Braun- und Steinkohle, Erdgas, wasserstoffbetriebene Gasturbinen wie auch Kernkraft aktuell darstellen und welche Entwicklung bis 2045 zu erwarten ist. Die Untersuchung zeigt deutlich: Bereits heute vermögen es vor allem die Photovoltaik und insbesondere die Windenergie, kostengünstiger zu produzieren als etwa die fossilen Energien. Bei der Kernkraft sind die Kosten besonders schwierig zu kalkulieren, wobei in den Szenarien der Studie etwaige Folgekosten dieser Risikotechnologie und die Endlagerung noch nicht einmal berücksichtigt wurden. Der heute festzustellende Trend wird sich der Untersuchung des renommierten Instituts zufolge bis 2045 weiter fortschreiben: Für erneuerbare Energien sind in Deutschland weiter fallende Kosten zu erwarten.

Fallbeispiel USA: gestoppte Windenergie-Projekte

Umso unverständlicher sind Entwicklungen vor allem in den USA, die nicht nur für den Klimaschutz desaströs sind, sondern auch das für unsere Gesellschaften und Demokratien so wichtige Vertrauen in Rechtsstaatlichkeit zu unterminieren drohen. Denn dort werden zunehmend Großprojekte im Bereich der erneuerbaren Energien gestoppt, die bereits Genehmigungsverfahren durchlaufen haben und sich auf dem Weg zur Inbetriebnahme befinden.

So ist zu lesen, dass sich derzeit 17 demokratisch regierte US-Bundesstaaten gegen die Aussetzung von Windenergieprojekten durch die Trump-Administration zur Wehr setzen müssen. Und es gibt weitere Beispiele, nicht nur aus den USA, sondern beispielsweise auch aus Alberta, wo die Wirtschaft ganz besonders von fossilen Energien abhängt.[1] In dem kanadischen Bundesstaat gab es beginnend mit August 2023 ein siebenmonatiges Moratorium für neue Genehmigungen von Projekten in erneuerbare Energien.

Die Fälle ähneln sich, denn die Baustopps, Moratorien und anderweitigen Verzögerungsmaßnahmen führen zu rechtlicher Unsicherheit, teilweise enormen finanziellen und operativen Risiken und unterminieren den ökologisch erforderlichen und ökonomisch sinnvollen Ausbau der erneuerbaren Energien. So warnt etwa der Gründer und Berater im Bereich grüner Technologien Michael Barnard, dass derartige politische Eingriffe nicht nur dem Sektor der erneuerbaren Energien schadeten, sondern das grundlegende Vertrauen in die Vertragstreue und Rechtsstaatlichkeit insgesamt erschüttern.

Ideologische Motive mit weitreichenden Folgen

Populistische konservative Regierungen sehen aus Michael Barnards Perspektive einen politischen Vorteil darin, sich gegen erneuerbare Energien zu stellen. Sie ergriffen Maßnahmen, die sich auf Projekte auswirkten, nachdem Verträge unterzeichnet und Finanzierungen zugesagt wurden. Sie rechtfertigten ihre Eingriffe mit weit gefassten, manchmal nebulösen, Begründungen und die Entwickler und Finanzierer blieben auf den Kosten sitzen. Eine Folge davon sei eine anhaltende Zurückhaltung bei ausländischen Investoren. Besonders alarmierend aber sei, so Michael Barnard, dass dann, wenn derartige Projekte aus rein ideologischen Gründen gestoppt werden, kein Vertrag mehr vor politischer Einflussnahme sicher sei. Wenn Regierungen Verträge missachten und damit faktisch Kapital zerstören, erschüttere dies genau dasjenige Vertrauen, das notwendig sei, um die erforderlichen Mittel für eine zukunftsfeste Infrastruktur zu mobilisieren.

Erneuerbare Energien weltweit auf Wachstumspfad

Dies alles klingt nicht sehr ermutigend. Dabei gibt es auch gute Nachrichten und Entwicklungen – gerade im Bereich der erneuerbaren Energien. Denn aufgrund der sinkenden Kosten und der dadurch gestiegenen und – wie oben beschrieben – voraussichtlich weiter steigenden Wettbewerbsfähigkeit wie auch durch technologische Innovationen und eine zunehmende Akzeptanz verzeichnen regenerative Energien nach Zahlen des Weltenergierats seit einigen Jahren einen immensen Kapazitätszuwachs. Etwa 80 Prozent des Zubaus entfielen zuletzt auf die Erneuerbaren. Die installierte Leistung der Windenergie beispielsweise vervierfachte sich binnen elf Jahren. Die Photovoltaik-Leistung nahm im gleichen Zeitraum sogar um den Faktor 21 zu.

Es bleibt also zu hoffen, dass die Gegenkräfte, mit denen Maßnahmen und Projekte für die erforderliche sozial-ökologische Transformation zunehmend zu kämpfen haben, den grundsätzlich positiven globalen Entwicklungen bei den Erneuerbaren Energien nicht weiter das Wasser abzugraben vermögen. Und es bleibt darauf hinzuwirken, dass mehr Vernunft und Rationalität in die Bewertung dessen einfließt, worüber wir im Zusammenhang mit (Investitionen in) Nachhaltigkeit und Klimaschutz diskutieren.

Stabilere Energiepreise, gesündere Lebensbedingungen und eine intakte Umwelt

Denn es wird immer klarer: Wer in erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Gesundheitsinfrastruktur oder Umweltschutz investiert, sichert sich mittel- und langfristig stabile Renditen. Projekte, die heute gestoppt werden, verursachen nicht nur kurzfristige Verluste, sondern erhöhen das Risiko zukünftiger wirtschaftlicher Schäden. Unsere Marktwirtschaften und Demokratien profitieren von einer strategischen Ausrichtung auf Nachhaltigkeit.

Unternehmen, die frühzeitig auf saubere Energie, Ressourceneffizienz und Klimaschutz setzen, können Kosten sparen, Innovationen treiben und Wettbewerbsvorteile sichern. Gesellschaftlich bedeutet dies stabilere Energiepreise, gesündere Lebensbedingungen und eine intakte Umwelt. Die Botschaft ist klar: Investitionen in Nachhaltigkeit sind keine Kosten, sondern unverzichtbare Vorsorge für eine wirtschaftlich und gesellschaftlich lebensfähige Zukunft. Wer jetzt handelt, sichert wirtschaftliche Stabilität, Innovationskraft und gesellschaftlichen Wohlstand. Wer zögert, zahlt die Rechnung später – in Milliardenhöhe und mit spürbaren sozialen und ökologischen Schäden.


[1] https://www.cbc.ca/news/canada/calgary/alberta-renewable-energy-pause-cancelled-development-1.7283753