Die Vermessung der sozialen Welt: SROI
Sozialer Mehrwert im Verhältnis zur eingesetzten Investition: Social Return on Investment

Einer der beiden Hauptprotagonisten des Romans „Die Vermessung der Welt“ ist Carl Friedrich Gauß, der zur Vermessung der natürlichen, der technischen und der sozialen Welt Bahnbrechendes beisteuerte. Etwa die Definition der Normalverteilung, auch Gaußsche Verteilung genannt, die zur „Vermessung“ aller Welten unverzichtbar ist. Gauß selber setzte sie zur Verwaltung der Witwen- und Waisenkasse der Universität Göttingen erfolgreich ein. Im Kontext gängiger Rendite-Modelle wird die Gaußverteilung als Volatilität bezeichnet. Auch der SROI streut. Ob er gleichfalls gaußverteilt ist?
Die Vermessung der Welt war nie bloß Spezialität von Sternen- oder Naturbeobachtern, denn schon früh gehörte sie auch zu den Techniken der Staats- und Finanzkunst. Damit Finanzmittel überhaupt sprudeln, strömen und bestehen konnten, entwickelten sich bereits vor 5000 Jahren spezielle Messmedien mit Memorierfunktion, die ersten Geldformen.
In der modernen Finanzwelt war dann auch die Macht des Geldes als Maß aller Dinge lange ungebrochen. In letzter Zeit scheint sie dort allerdings teilweise zu bröckeln: Denn nicht mehr alle Anleger definieren ihre Investitionsziele ausschließlich in Geldgrößen. Mit nachhaltigen Geldanlagen sind nichtmonetäre Zwecke vermehrt ins Ziel-Kalkül von Investoren gerückt. Jedoch wird auch für diese zunehmend Quantifizier- und Messbarkeit gefordert, selbst in den metrisch unwirtlichsten Regionen der sozialen Welt. Um auch dort Fuß fassen zu können, gilt wieder Geld als großes Vorbild der Vermessung. Die Frage lautet dann: Ist es nicht doch irgendwie möglich, soziale Nutzenzugewinne monetär darzustellen? Eine Antwort darauf wusste bereits Ende der 1990er Jahre eine Non-Profit-Organisation in den USA; sie lautete trotz des „Non“ vor Profit nicht „nein“, sondern „ja“, oder zwei Buchstaben länger: SROI.
Ausgehend von klassischen Kosten-Nutzen-Analysen und dem Return on Investment (RIO) entwickelten Spezialisten des Roberts Enterprise Development Fund ein Konzept mit dem Kürzel SROI.
SROI
Der Social Return on Investment (SROI) ist ein Verfahren zur Bewertung des Nutzens von Projekten, die positive gesellschaftliche Wirkungen erzielen wollen. Essentiell ist dabei, dass die erzielte soziale Wirkung gemessen und als Geldgröße ausgedrückt werden kann.
Der SROI ist ein Quotient, der einen monetär kodierten sozialen Nutzen (SR) mit den hierfür eingesetzten Investitionen (I) ins Verhältnis setzt, so dass gilt:
SROI = SR/I.
Das Ergebnis dieser Quotientenbildung ist eine dimensionslose Kenngröße, bei der sich die Geldeinheiten in Zähler und Nenner herauskürzen. Wenn nun der SROI beispielsweise den Wert 5 hat, wird damit ausgedrückt, dass eine Investition in Höhe von 1 Euro einen gesellschaftlichen Nutzen im Wert von 5 Euro generiert hat.
Entscheidend: der Zähler des SROI
Zähler SR und Nenner I des SROI sind in mancherlei Hinsicht asymmetrisch:
So sind die Investoren, deren Finanzaufwendungen in den Nenner eingehen, in der Regel nicht diejenigen, denen der im Zähler erfasste (monetäre) Nutzen unmittelbar zu Gute kommt – das ist ein Unterschied zu klassischen Finanzinvestoren (denen der Mehrwert anteilig zum Investitionsbetrag zufließt), aber es ist eine Gemeinsamkeit mit Impact Investoren (auf der Impact-Seite).
Eine weitere Differenz besteht darin, dass die Investitionen I im Nenner genuin monetäre Größen sind, also nicht erst in solche übersetzt werden müssen. Die soziale Wirkung S muss zunächst quantifiziert und gemessen werden und dann auch noch in eine Geldgrößen SR übersetzt werden. Das kann jeweils mit großen Schwierigkeiten verbunden sein.
Eine Disparität zwischen Nenner und Zähler besteht auch im Hinblick auf die Wirkung. Ein Wirkungsziel und das dafür aufgelegte Projekt, in das z.B. eine Stiftung investiert (Nenner), kann relativ präzise definiert und bestimmt werden. Die Wirkung eines Projekts auf die Gesellschaft (Zähler) kann indessen vielfältig und diffus sein und vom intendierten Ziel stark abweichen.
Daher ist in der Regel die Bestimmung des Zählers SR des SROI ungleich komplizierter und problematischer als die Berechnung des Nenners I und die eigentliche Herausforderung dieses Ansatzes.
Der soziale Nutzen
Die Bestimmung des sozialen Nutzens erfordert geeignete Indikatoren, Datenerhebungen, Datenanalysen, Befragungen, Bewertungen und Berechnungen, was insgesamt sehr arbeitsaufwendig sein kann.
Die Berechnung des Zählers SR kann man auch kategorial grob in zwei Schritte einteilen: Zuerst wird ein sozialer Bruttonutzen ermittelt, der in einen Nettonutzen umzurechnen ist. Dann wird dieser Nettonutzen in eine monetäre Größe übersetzt, was dann weitere Berechnungen erfordert.

In verbreiteten schematischen Darstellungen erfolgt die Brutto-Netto-Transformation über vier Stufen: Deadweight, Attribution, Displacement und Drop-off.
Zur Gewinnung der Brutto-Ausgangsbasis wird der soziale Nutzengewinn quantifiziert und gemessen. Als Beispiel nehmen wir ein Projekt X, das die regionale Jugendarbeitslosigkeit reduzieren möchte. Der zu ermittelnde Bruttonutzen wäre dann die Reduzierung der Arbeitslosenquote für Jugendliche in der Region A.
Ein erster Korrekturschritt besteht in der Deadweight-Analyse (DW), die untersucht, wie sich der gemessene soziale Nutzen – der Rückgang der Jugendarbeitslosigkeit – ohne das Projekt X entwickelt hätte. Denn es könnte sein, dass vom gemessenen Rückgang 30 Prozent auf die Ansiedelung eines sehr großen Unternehmens zurückzuführen ist. In diesem Fall würde sich der gesuchte soziale Nutzen nach DW-Analyse um 30 Prozent mindern.
Durch eine Attribution-Analyse (AT) wird dann berechnet, welcher Anteil des verbliebenen Nutzengewinns auf das Projekt X zurückzuführen. Eigentlich macht eine korrekte Attribution-Analyse eine separate Deadweight-Analyse überflüssig. In der Praxis scheint aber die DW-Analyse eher auf Daten der allgemeineren Wirkungsebene (z.B. Jugendarbeitslosenquote in Region A) und die Hauptverursacher zu zielen, während es der AT-Analyse eher um eine feiner strukturierte Ursachenzurechnung auf der Projektseite zu gehen scheint (z.B.: Die Organisationen X, Y, Z haben in Region A gleichzeitig ähnliche Projekte zur Senkung der Jugendarbeitslosigkeit gestartet; die AT-Analyse filtert dann den kausalen Anteil von X heraus).
Mittels einer Displacement-Analyse wird geschaut, ob bzw. inwiefern die beabsichtigten positiven Wirkungen sekundär durch unbeabsichtigte negative (Neben-)Wirkungen konterkariert wurden. So könnten Unternehmer aufgrund des Projekts X mehr Jugendliche aus der Region A einstellen, dafür aber der gleichen Zahl von Schulabgängern, die sie ursprünglich aus der Region B beschäftigen wollten, absagen. Das Projekt X würde dann Jugendarbeitslosigkeit lediglich regional umverteilen.
Im Rahmen einer Drop-off-Analyse ist dann noch zu schätzen, wie stark die erzielte Wirkung im Zeitverlauf abnehmen wird.
Durch diese vier Korrektur-Schritte wird aus dem Brutto-Nutzen der Netto-Nutzen.
In einem weiteren Schritt muss die Nutzengröße in eine monetäre Größe umgerechnet wird. Dazu gehören in unserem Beispiel etwa Kosten, die durch Senkung der Jugendarbeitslosigkeit vermieden werden, oder Steuermehreinnahmen, die dadurch ermöglicht werden. Bei mehrjähriger Betrachtung ist zudem eine finanzielle Diskontierung erforderlich.
Das Ergebnis wird dann als Zähler SR in die SROI-Formel eingesetzt.
Würde sich in unserem Beispiel ein SROI von 2 ergeben, dann hätte jeder investierte Euro 2 Euro an gesellschaftlichem Mehrwert erzeugt.

SROI und Impact Investing
Generell verfolgen Impact Investoren zwei Ziele: Erstens einen nachhaltigen, z. B. sozialen Nutzengewinn, der möglichst gemessen werden sollte; das ist im Prinzip auch mit einem SROI-Ansatz möglich. Zweitens soll ein Impact-Investment einen klassischen Kapitalertrag bei einem bestimmten Risiko erzielen, der den Anlegern zugutekommt. Im Falle eines Social Impact Bonds etwa würden beide Faktoren zusammenfallen, weil hier der Return (bzw. die Rückzahlung) vom sozialen Nutzen – d.h. gegebenenfalls vom SROI – abhängt.
Eine selektive Durchsicht einschlägiger Literatur vermittelt den Eindruck, dass im Kontext des Impact Investings der SROI zwar zum Teil ebenfalls verwendet wird – meist wohl in Kombination mit anderen Instrumenten –, dass er aber insbesondere als Werkzeug der Kommunikation, weniger als Instrument der Impact-Bewertung eingesetzt wird.
Evaluation
Wie wird das SROI-Instrument bewertet, was sind die Vorteile, die Nachteile, die Probleme?
Weil sich mit dem SROI-Ansatz sowohl „harte“ als auch „weiche“ Nutzengewinne messen lassen, ist das potentielle Anwendungsspektrum relativ breit. Sektoren, in denen gehäuft SROI-Analysen verwendet werden, sind u.a.: Gesundheit, Bildung, Pflege, Sport oder auch Arbeitsmarktprogramme. Das spricht für eine gewisse Universalität.
Welche SROI-Werte werden in der Praxis erreicht? Einer breit angelegten Literaturübersicht (284 Publikationen, 1996–2020) zufolge ist beim Großteil der untersuchten Projekte der SROI-Wert positiv, mit Häufungen zwischen 3 und 10. Akademische Arbeiten mit hohen Methodenansprüchen sind deutlich strenger und kritischer in der Bewertung, gerade wenn sie die vielen Fallstricke beleuchten, die naturgemäß zu beachten sind.
Zu den Stärken des SROI zählt in jedem Fall, dass der wahrgenommene Nutzen aus Sicht der relevanten Beteiligten und auch der Zielgruppen systematisch erfasst wird. Somit entsteht ein umfassendes Bild der sozialen Wirkungen aus unterschiedlichen Perspektiven.
Das hat Vorteile für das Management von Projekten und die daran geknüpften Lernprozesse: Organisationen können den SROI nutzen, um ihre Projekt-Ressourcen gezielter einzusetzen, Wirkungszusammenhänge besser zu durchdringen und letztlich auch bessere datenbasierte Entscheidungen zu treffen.
Zu den immer wieder genannten Stärken des SROI-Ansatzes gehört, dass er hilft, soziale Projekte gegenüber Investoren, politischen Entscheidungsträgern oder der Öffentlichkeit auf Basis von Daten und kausalanalytischen Argumenten zu legitimieren.
Als mehr oder weniger problematisch erweist sich bei der SROI-Anwendung die Bestimmung des Zählers SR. Genannt werden vielfach datenbezogene oder auch analytische Defizite bei der Bestimmung von Deadweight, Attribution, Displacement, Drop-off und Monetarisierung des sozialen Nutzens. Darüber hinaus wird als Nachteil erachtet, dass die Standards für die Berechnung des SROI nicht einheitlich sind, weshalb die SROI-Werte unterschiedlicher Studien oder Projektträger oft nicht vergleichbar seien. Häufig kritisiert wird zudem eine unzureichende Berücksichtigung der langfristigen Wirkungen aufgrund zu kurzer Beobachtungszeiträume oder zu großer Unsicherheit der Drop-off- und Diskontierungsraten.
Insgesamt scheint sich jedoch das SROI-Konzept, auch getrieben von methodisch immer anspruchsvolleren Evaluationen, in einem fortlaufenden Reflexions- und Entwicklungsprozess zu befinden. Man darf gespannt sein, ob sich der SROI-Ansatz in den nächsten Jahren auch hierzulande stärker etablieren wird, denn Deutschland gehört, vorsichtig ausgedrückt, nicht zu den Early Adopters.
